Mittwoch, 22. März 2017

Sind wir wieder in Platons Höhle zurückgekehrt, freiwillig? - Vom Glauben an Bilder


Ein junger Mann starrt auf den Bildschirm. Vor seinen Augen bewegen sich Zahlen in endlosen Reihen, kurz leuchtet eine rot auf, dann zuckt die Hand des Mannes schnell zur Seite: „verkauft“. Diese Zahlen sind der Lebensinhalt des Mannes: 14 Stunden am Tag sitzt er vor diesem Bildschirm. Geht er nach Hause, verfolgt er die blinkenden Reihen erst auf seinem Smartphone, dann zu Hause auf seinem Rechner. Er ist geradezu süchtig nach dieser Arbeit, denn sie definiert sein Leben, seinen Wert, das, was er ist.

Der Mann ist Börsenmakler, einer von vielen, und stellt ein Extrem einer Denkrichtung dar, die, meiner Meinung nach, in unserer Gesellschaft ein ungesundes Maß erreicht. Ich sah diesen Mann gestern in einer Doku im BR, wo es um die Frage der sozialen Geschwindigkeit ging und darum, ob sie uns schadet.

Alles nur ein Extrem?

Als der Tag des Börsenmaklers beschrieben wurde,lachte ich empört auf, wie konnte man SO Leben?
Doch beim genaueren Hinsehen musste ich mir eingestehen, dass diese Art der Scheinwelt, der Glaube an Bilder statt Bildung, nichts außergewöhnliches ist, sondern, im Gegenteil, nahezu erschreckenden Realitätswert hat.
Ich sehe sie in dem Mann am Smartphone, welcher die Außenwelt nicht mehr beachtet, im Jugendlichen am PC , der sein Online-game zockt, in der jungen Frau, die sich schlecht fühlt, weil ihr Leben nicht so perfekt ist, wie in den ganzen Instagramfeeds die sie sich anguckt. Und doch schaut sie weiter, Sie kann nicht anders und irgendwie können wir alle nicht mehr so recht anders, so ohne Bildschirm, ohne die Bilder, die uns sagen was wir sind und was wir haben und sein sollen. „Bilder“, das ist auch Geld, sind auch Gegenstände, alles was erschaffen wurde, um uns zu erfreuen. Es gibt nur ein Problem: Diese Sachen sind nicht real, wir halten sie nur dafür.

Sind wir also wieder freiwillig in Platons Höhle zurückgekehrt?

Platon beschreibt in seinem Höhlengleichnis Menschen, die in einer Höhle auf eine Wand starren, welche von einem höherliegenden Feuer beleuchtet wird. Die Menschen sind Bewegungslos, Gefangene. Ihnen sind die Hände gebunden, sie können sich nicht umdrehen, und sie sitzen mit dem Rücken zu einer Wand, die sie vom Feuer trennt, aber demselbigen trotzdem ermöglicht, auf die Wand zu strahlen. Auf der anderen Seite der Mauer gehen Menschen entlang, sie halten Stangen mit Figuren in die Höhe, deren Schatten auf die Wand geworfen werden. Hinter dem Feuer führt ein Weg nach Draußen, in die reale Welt.

Ich erkenne Parallelen. Sind wir nicht ein wenig wie diese Höhlenbewohner, die auf die Wand starren? Halten wir nicht auch Dinge, Bilder für Real die uns von anderen Menschen als diese verkauft worden sind? Geld ist ein Konstrukt welches nicht natürlich ist, und doch jagen ihm alle hinterher. Dass das krank macht, sieht man an den vielen Menschen, die aussteigen, sobald sie genug davon angesammelt haben, um bei Aufgabe des ungeliebten Jobs nicht um ihre Existenz fürchten zu müssen. Sie machen dann das, was sie schon immer machen wollten: Werden Hüttenwirt auf einer Alm, Schmied, Künstler. Sie drehen sich in der Höhle um.

Der Weg aus der Höhle - Möglich?

Platon beschreibt weiter, was passieren würde, wenn einer dieser Höhlenmenschen von seinen Fesseln befreit würde und sich umdrehe. Er würde erkennen, dass das was er als Real zu erkennen geglaubt hatte, eine Illusion ist. Er würde hinausklettern , ans Licht, und erkennen, was WIRKLICH ist: Tag und Nacht, die Natur, sich selbst. Statt nur zu konsumieren, würde er sich Bilden.

Bildung wird in unserer Zeit zu oft mit lexikalischem Wissen gleichgesetzt.Aber Bildung ist kein Faktenwissen. Wir verwechseln das jedoch, weil wir in einer qualifikationsgeprägten Zeit leben, in einer Zeit des abprüfbaren Wissens. Nur, auswendiggelernte Fakten, machen nicht unbedingt etwas mit der Person, sie führen nicht zu Bildung. Das Kennen der Figuren an der Höhlenwand führt nicht zur Bildung. Dafür müssen wir uns umdrehen.

Hartmut von Hentig (1996, S.76ff.) benennt in seiner Aufteilung des Begriffes der Bildung folgende Dimensionen:
  • Die Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit
  • Die Wahrnehmung von Glück
  • Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen
  • Das Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz
  • Eine Wachheit für letzte Fragen
  • Eine Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung für andere in unserer politischen Kultur

Bildung ist also ein innerr Prozess, ein „sich reiben“ sich auseinandersetzen mit der Realität, ein sich ausprobieren, sich „ein Bild machen“ sich selber erkennen, Reflexion. Aber auch Glück. Bildung macht glücklich, und, und das ist nicht unwesentlich, weniger manipulierbar, weniger abhängig.

Warum, wenn Bildung doch etwas Gutes ist, warum sitzen wir dann wieder in der Höhle und starren auf konstruierte Bilder?

Ich denke, der Hauptgrund ist Angst: Angst davor, nicht anerkannt, ausgelacht zu werden, wenn man seinen Mithöhlenbewohner erzählt, dass die echte Welt da draußen ganz anders aussieht. Angst vor sozialer Zurückweisung, dem Alleinsein. Angst vor dem Unbekannten, Angst vor Unsicherheit.
Und natürlich die Angst vor der Bedrohung der Existenz, Jobverlust, kein Geld mehr zu haben. Angst hält uns im Hamsterrad.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird zur Zeit als eine mögliche (sicher nicht kritikfreie) Lösung diskutiert. Was denkst du, wie viele Menschen würden weiter ihren aktuellen Beruf ausüben wenn sie einfach so, einfach daraus, dass sie ein menschliches Wesen sind, so viel Geld im Monat bekommen würden, dass ihre Grundkosten, Miete, Versicherung, Kleidung, Essen, abgedeckt sind und ihre Existenz gesichert ist?

Würdest du weiter in deinen Job bleiben?

Was fühlst du jetzt? Bist du „dagegen“? Wenn ja warum? Hast du Angst um dein Prestige als „hart Arbeitender?“ . Findest du das „Ungerecht“, und wenn ja, warum? Bist du neidisch?

Es gibt da den sogenannten Krabbenkorbeffekt:
In einem Korb voller Krabben, möchte jede Krabbe ganz oben sein, oder sogar den Korb verlassen. Doch es gelingt ihr nicht, und zwar allein aus dem Grund, dass die anderen Krabben sie wieder nach unten ziehen, um sicher zu gehen dass keine Krabbe viel weiter nach oben kommt als sie selber.

„Arbeit“ ist in unserer Zeit eine Art Ersatzreligion geworden. Es gilt das unmögliche Ideal von „Arbeit für alle“, nicht Arbeitende werden geächtet und wer viel arbeitet wird belohnt.

Und dann?

Dann kommt das Heilsversprechen im „Zweiten Leben“:

Viele wollen nach der Rente sich selber verwirklichen, ihren Traum erfüllen.
Warum nicht jetzt?Warum nicht JETZT?

Ich finde, es wird Zeit, dass wir uns umdrehen in unserer Höhle, die Fesseln abstreifen und nach draußen ans Licht klettern.



Wie du konkret damit anfangen kannst?
Mach mal den Computer aus, das Handy, den Fernseher.

Geh mal wieder raus, ans Meer, in den Wald.



Und Atme.

 Deine Wren

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